Schöne neue Welt – ein Vierteljahr Filterlesung

„A SQUAT grey building of only thirty-four storeys. – Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch.“

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So beginnt ein vielzitierter Roman des englischen Autors Aldous Leonard Huxley.
Sein Titel: Brave New World. Schöne neue Welt. Den wunderbaren eingängigen Titel entnahm er mit ironischer Absicht Shakespeares „Sturm“:

„Oh, wonder! 
How many goodly creatures are there here!
How beauteous mankind is! O brave new world,
That has such people in ‚t!“
O Wunder!
Was gibts für herrliche Geschöpfe hier!
Wie schön der Mensch ist! Schöne neue Welt,
Die solche Bürger trägt!“
(SHAKESPEARE: THE TEMPEST / Der Sturm)

Erstaunliches Erscheinungsjahr: 1932.
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Erstaunlich deshalb, da diese Antiutopie heute, 2017, 85 Jahre nach der ersten Ausgabe, so frisch wie gestern geschrieben wirkt. Es beschreibt eine Gesellschaft, die uns von Tag zu Tag bekannter vorkommt. Dieser großartige Wurf, eine einzigartige Warnung an die Nachgeborenen, gilt zurecht als eine der erschütterndsten negativen Utopien des 20. Jahrhunderts mit außerordentlicher seherischer Kraft und literarischer Qualität.
Die Ausgabe im Bild oben ist von 1962; diese enthält zusätzlich zum Roman einen kritischen Essay von Huxley selbst: „Dreißig Jahre danach oder Wiedersehen mit der Schönen Neuen Welt“.

Heute weitere 55 Jahre später lesen wir mit spürbarem Schauder den Klappentext dieser Ausgabe:
„Dieser Band vereinigt den berühmtesten utopischen Roman unseres Jahrhunderts (der in Deutschland kurz nach Erscheinen von den Nationalsozialisten verboten wurde) mit einer umfassenden Studie, in der Aldous Huxley dreißig Jahre nach Erscheinen seines Romans untersucht, ob seine Prophezeihungen Wirklichkeit geworden sind.
„Schöne neue Welt“ – das ist die Vision einer endgültig technisierten und kollektivierten Welt, in der die Versklavung der Massen und deren durch Drogen garantiertes und genormtes Glück Hand in Hand gehen. „Im Jahre 632 nach Ford“ sind Hunger, Arbeitslosigkeit und Elend überwunden. Menschliche Wesen werden nicht mehr geboren, sondern in Reagenzgläsern und Flaschen gezüchtet. Krankheiten sind abgeschafft, und die Menschen bewahren ihre jugendliche Spannkraft bis ans Lebensende. Die globale Bequemlichkeit hat die Menschheit jedoch mit dem Verzicht auf Freiheit, Humanität und Entfaltung der Künste bezahlt. Liebe und Individualität sind auf der Strecke geblieben. Und als „Asozialer“, als „Wilder“ wird betrachtet, wer – wie einer der rebellischen Außenseiter dieses Romans – für sich fordert: „ich brauche keine Bequemlichkeit, ich will Gott, will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!“
Der Essay „Dreißig Jahre danach“ mißt die Utopien von damals an der Realität von heute. Huxley kommt zu dem Schluß, daß sozialer und technischer Fortschritt, verfeinerte Methoden der geistigen und seelischen Manipulation, Überbevölkerung und Überorganisation seine grausigen Voraussagen in einem Bruchteil der veranschlagten Zeitspanne  verwirklichen werden. Anonymität der Verwaltungsapparate (auch in den westlichen Demokratien), tiefenpsychologische Methoden der politischen Propaganda und der Werbung sowie Beeinflussung durch Drogen könnten eines Tages die Prophezeihungen des Dostojewskischen Großinquisitors wahr machen. „Am Ende werden sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und uns sagen: >Macht uns zu Sklaven, aber führt uns!< “
In diesem Essay versucht Huxley nicht nur eine Analyse der Tatbestände, er entwickelt auch die Grundsätze, nach denen individuelle Freiheit und Menschenwürde in der Zukunft unserer technisierten Welt bewahrt werden könnten….“

Mehr Information zum Buch?
mehr Lesen? weiterführende links: shmoop / englische College site

Wer diese Ausgabe mit dem Huxley Essay lesen möchte:
gerne bin ich bei der Beschaffung eines gebrauchten Exemplares im Rahmen meiner Antiquariatsservices behilflich. Kleine Mail genügt: angelibri@email.de

Was für ein Essay könnte/ würde Huxley heute, 2017, schreiben, wenn er diese unsere Realität mit seinem Buch von 1932 abgleichen könnte!!

Ich hatte Mitte Januar  bei meiner ersten Blog-Kurskorrektur prophezeit, dass es im Verlauf von 2017 zu einem starken Zuwachs an relevanten Nachrichten und Artikeln in den Medien kommen würde, sodass eine Blogberichterstattung in der gewählten Form obsolet werden würde, ja meine Möglichkeiten aufgrund der Fülle zunichte machen.
Ein Blick auf die letzten Ausgaben aller großen Magazine und Zeitungen zeigt, dass dieser erwartete Zustand bereits jetzt nach einem Quartal eingetreten ist:
Der Spiegel Nr. 14 titelt mit „Sind wir bereit für die perfekte Zukunft“ das gesamte Spektrum unserer digitalen Schöne Neue Welt – Themen, breite Artikelsteigerungen in der Zeit und im Hamburger Abendblatt. In der Zeit und in anderen Magazinen findet sich eine „Imagebroschüre“ von Google „Aufbruch Daten – Wie Informationen das Leben vereinfachen“ Auf der Titelseite bemerkenswerterweise ein wunderschönes, bibliophiles Foto des Studienzentrums aus der altehrwürdigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar mit der Motivbeschreibung: „Menschen haben schon immer Informationen gesammelt, um daraus zu lernen. Heute sind wir nicht nur in Bibliotheken von Informationen umgeben, die Digitalisierung bietet ganz neue Möglichkeiten, Informationen nutzbar zu machen.“

Undsoweiterundsofort… Die Leser werden selbst bei sensibler Lektüre ihrer Zeitungen, Magazinen und Nachrichten festgestellt haben, wie stark der Zuwachs an diesen Themen ist; diese „Informationsflut“ über das Anwachsen der digitalen Welt erfordert für mich eine neue Fokussierung, eine Änderung meiner Filter.

Ray Kurzweil wird weiter bestätigt: in der von Ihm in Menschheit 2.0 dargestellten exponentiellen Entwicklungsgeschwindigkeiten und auch in seinen Hauptsträngen GNR, der Gentechnik, der Nanotechnik, der Robotik. Diese drei Technologieentwicklungen laufen nicht unabhängig voneinander, sondern sind eng vernetzt und bestärken sich wechselseitig; und sie haben ein gemeinschaftliches Instrumentarium, ja Zielfeld :
AI/ KI Artificial Intelligence / die künstliche Intelligenz bis hin zur technischen Singularität.

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Produzieren derzeit nahezu alle dominierenden Printmedien Leitartikel, mehrseitige Dossiers und spektakuläre Nachrichten über GNR-Themen,

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so lassen sich die nächsten Schritte in der öffentlichen Meinungsbildung und -formung leicht prognostizieren: Schon bald (binnen der nächsten 2 Monate, meine ich) werden diese Themen von den Printmedien überspringen auf alle Talkshows und die breit angelegten TV-Dokumentationen, sobald sich die derzeit beherrschenden politischen Themen (Türkei, Nordkorea, Syrien) etwas beruhigt haben. Auch werden sich die ersten modernen Luddistengruppen formieren und in der Öffentlichkeit bekannt werden und um ihre Positionen ringen. Luddismus? Siehe: wikipedia.

Ich werde in meinem Blog nicht mehr alle Nachrichten der Zeit und des Hamburger Abendblattes sammeln (die steigende Fülle macht es unmöglich und überfordert auch die Leser). Ja auch die Beschränkung auf diese beiden Printmedien gebe ich auf und werde versuchen, über die generell auftretenden, spektakulärsten Nachrichten aus den Themenfeldern zu berichten.

Leonardo

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Kleine Filterpause beendet. Es geht weiter…

Nach einmonatiger Pause nehme ich mein Filterlesen wieder auf. Auslöser für die Pause war zunächst eine Reise zur Leipziger Buchmesse und in meine Heimatstadt und die damit verbundene Abwesenheit. Nach Rückkehr hatte ich zunächst die Absicht, die vergangenen Tage alle aufzuarbeiten und nachzutragen, werde dies aber zumindest in der bisher ausgeübten Breite unterlassen. Nichts ist letztendlich so unattraktiv wie Nachrichten von Vorvorgestern. Nachgetragen werden jedoch mir gravierend erscheinende Nachrichten.
Die Pause gab auch Gelegenheit über die Entwicklung des ersten Quartals 2017 zu resümieren.

Leo