Archiv der Kategorie: Die Bücherseite

In der Hölle sind die Dinge anders oder die Optimierer in China.

Seit Ewigkeiten träumt, phantasiert und philosophiert die Menschheit vom idealen Staat, dem paradiesischen Zusammenleben, das Freiheit und dauerhaftes Glück begründen soll.
Manchmal fühle ich mich wie im Traum, wenn mir wieder die Erfahrung zuteil wird, dass Gegenwart und Zukunft nicht scharf getrennte Zeitläufte sind, sondern stets mit Hochgeschwindigkeit ineinander fließen, und wir ohnmächtig diesen Strudeln ausgeliefert sind.
Diese Zeitströme folgen unausweichlich wie alle beobachtbaren Entwicklungen mathematischen Exponentialgesetzen. Immer schneller durchdringt die Zukunft unsere Gegenwart, nimmt ihre Färbung an und beraubt damit einer länger anhaltenden Utopia-Idee ihren Zukunftscharakter oder zerstört gar den phantastischen Wunschtraum und ersetzt ihn durch eine real gewordene Hölle der Dystopie.

Unlängst las ich den Debüt-Roman der jungen deutschen Autorin Theresa HannigDie Optimierer, für den sie mit dem Stefan-Lübbe-Preis 2016 ausgezeichnet wurde.

2018_03_04_ES_Optimierercover - 1 (5)

Der Roman ist eine Mischung aus Utopie und Science Fiction, die sich im Verlauf des Geschehens zur alptraumhaften Dystopie wandelt. Die gewählte Thematik und ihre Darstellung haben mich sehr gefesselt.

Aus dem Klappentext:
Die perfekte Gesellschaft – oder der größte Alptraum?
… die Bundesrepublik Europa hat sich vom Rest der Welt abgeschottet. Hochentwickelte Roboter sorgen für den Wohlstand und Sicherheit in der sogenannten Optimalwohlökonomie. Hier werden alle Bürger von der Agentur für Lebensberatung rund um die Uhr überwacht, um für jeden Einzelnen den perfekten Platz in der Gesellschaft zu finden.
(der tragische Romanheld) Samson Freitag ist Lebensberater im Staatsdienst und ein glühender Verfechter des Systems. Doch als er kurz vor seiner Beförderung beschuldigt wird, eine falsche Beratung erteilt zu haben, gerät er in einen Abwärtsstrudel, dem er nicht mehr entkommen kann. Das System legt alles daran, ihn zu optimieren -ob er will oder nicht…

Alle Bürger dieses Zukunftsstaates werden mit Hilfe eines Sozialpunkte-Rankings bewertet. Wohlverhalten wird mittels Punktezuwachs belohnt, Regelverstöße führen zu Punktabzügen. Bei Unterschreiten eines Mindest-Punkte-Levels beginnt der totale soziale Abstieg bis hin zur Ausmerzung aus der Gesellschaft. Genau dies widerfährt dem Protagonisten unverschuldet, und der Leser folgt diesem Abstieg mit zunehmender Beklemmung. Schauplatz dieser düsteren Zukunftsschau ist München im Jahre 2052.

Kaum hatte ich diese Lektüre beendet, las ich aufgeschreckt und enerviert in der aktuellen ZEIT vom 1. März die Zeitgeist – Kolumne von Josef Hoffe, Mitglied des Herausgeberrates der ZEIT: „Diktator forever„.
Es geht um die umwälzenden, aktuellen Entwicklungen in China. Xi Jinping, der chinesische Präsident, bekommt per Gesetz seine absolute Macht auf Lebenszeit. Also eine Art Ermächtigungsgesetz zum totalitären Staat.
Im zweiten Teil der Kolumne wird geschildert wie dieser chinesische Staat seine Bürger gefügig halten wird. Es klingt wie eine Abschrift des Romans von Theresa Hannig:

…jedem Chinesen soll ein „Sozialkredit-Ranking“ zugewiesen werden, das seine Linientreue bewertet… bei Punktemangel klappt es dann nicht bei der Karriere und anderen positiven Vorhaben. Oder es gibt keine Bahn- oder Flugtickets, Firmen bekommen keine Aufträge mehr. Überwachung mit Hilfe von Kameras und Gesichtserkennung im Großeinsatz… die (westlichen) Erfindungen zur Vergrößerung der individuellen Freiheit wie Smartphones und Netzwerke werden zur totalitären Überwachung und Ausschaltung der Freiheit des Einzelnen umfunktioniert. Diese „Optimierung“ im großen China soll bis zum Jahre 2020 flächendeckend erfolgen. Das ist im Gegensatz zu Theresa Hannigs 2052 bereits morgen.
Nachahmungen durch andere totalitäre Herrscher sind unausbleiblich. 

(Leonardo)

Advertisements

Zwei Monate Schachnovellen Blog

Eigentlich wollte ich im neuen Jahr 2018 meine Beiträge in diesem Blog „Endspiel„, alles zu unserer „Schönen neuen Welt„, ausgeglichener gestalten und vermehrt Ausschau halten nach positiven, erfreulichen Entwicklungen in unserer Zeit. Allein schon, um das Lesen zum Vergnügen zu machen und nicht den steigenden Pessimismus oder aufkommende Ängste von vielen zu verstärken. Allein, der Januar hat gezeigt, dass das Verhältnis von berichtenswerten guten zu bösen Nachrichten doch stark zu den negativen tendiert. Es ist schwierig positive zu finden und herauszufiltern. Ich werde mich dennoch bemühen. Zur optischen Unterscheidung werde ich den ersten Absatz positiver Beiträge in grüner Schrift setzen und negativer in roter. Dann kann jeder nach seinem Gusto seine Auswahl treffen.

Wirklich erfreulich startete mein 2. Blog Schachnovellenreise. Wer dieses Projekt noch nicht kennt oder auf dem Blog gelesen hat, hier eine kleine Zusammenfassung:

Zum 75-jährigen Jubiläum der Ersterscheinung der Schachnovelle von Stefan Zweig habe ich im Dezember 2017 ein besonderes Projekt gestartet. Ich schickte eine aktuelle Buch-Ausgabe des Insel-Verlages auf eine Solo-Reise um die Welt. Es soll seinen Weg finden von Zweig-Freund zu Zweig-Freund in vorbestimmten Orten. Der Reiseplan sieht die Orte vor, in denen Zweig lebte und wirkte: Wien, Berlin, Zürich, Salzburg, London, Bath, Petropolis in Brasilien. Anschließend sollen die Orte, an denen die Schachnovelle erstmals erschien, von dem Buch „bereist“ werden, also Rio de Janeiro, Buenos Aires, Stockholm und New York. Letztes Ziel soll Professor Randolph Klawiter, der Zweig-Bibliograph, in South Bend in den USA, sein, und anschließend soll es in der Zweig-Sammlung der State University of New York at Fredonia verbleiben.
Drei Stationen wurden mittlerweile schon „geschafft“. Zur Zeit befindet sich das Buch bei Hildemar Holl, dem Präsidenten der Internationalen Stefan Zweig Gesellschaft in Salzburg.
Wer das Buch auf seiner Reise „begleiten“ möchte, kann auf dem eigens für dieses außergewöhnliche Projekt, einer Hommage an Stefan Zweig, erstellten Web Blog online mitreisen:
Es gab auch bereits einige Reaktionen in der interessierten Öffentlichkeit, so z.B. bei der Pirckheimer Gesellschaft (Blogbeitrag vom 31.1.18).
Die „Mitspieler“ haben Freude an diesem „bibliophilen Spiel“ und begannen, das Buch mit Notizen, Zeichnungen, Beilagen, Autographen anzureichern. Da entsteht ein Unikat der besonderen Art. Stefan Zweig hätte seine Freude daran. Es entsteht ein neues Netz von Zweigfreunden und auch von Schachfreunden, ermöglicht durch die neuen Kommunikationsformen unserer Zeit. Virtuelle Welt wird verbunden mit der realen Wert. Bindemittel ist dieses großartige letzte Werk von Stefan Zweig. Auch ich habe bereits in diesen Startmonaten neue Bekanntschaften gemacht und meinen Blick auf die Schachnovelle geweitet. Gleichgesinnte nehmen Beziehung zueinander auf und stärken das unsichtbare Netz.
(Leonardo)

2.1.2018: Isaac Asimov wurde vor 98 Jahren geboren

Leonardo: Ehe der 2. Januar zu Ende geht, möchte ich noch an den heutigen 98.Geburtstag des großen russisch, amerikanischen Schriftsteller Isaac Asimov hinweisen.

6C0634EC-28D2-4F31-A112-388CBBD6D5DB

Er schrieb nicht nur überdurchschnittlich viele Science Fiction Erzählungen und Romane, von denen die meisten in die ewigen Bestsellerlisten wanderten, sondern auch studierter Chemiker hochgescheite populärwissenschaftliche Sachbücher und spannende kulturliterarische Essaies; so z. B. eine zweibändige,  sehr empfehlenswerte Arbeit über Shakespeare und sein Werk. Die Erstausgaben vieler seiner Bücher sind auch antiquarisch sehr gesucht und hoch bepreist.

Viele SF-Erzählungen behandeln das Eindringen von Robotern in unseren Alltag mit allen einhergehenden Drohungen und Gefahren. Asimov erfand und legte in diesen Geschichten seine berühmt gewordenen Robotergesetze nieder, die sich bis heute in unsere moderne Robotik-Welt gehalten haben, und deren Umsetzung und Beachtung als philosophische und praktische Herausforderung gilt.

Viele heutige, bekannte Persönlichkeiten, Wissenschaftler nennen immer wieder Asimov als Quelle und Ideengeber, sehr oft beziehen sie sich auf Asimovs großen „Foundation-Zyklus“.

Vor einem Jahr hatte ich auf diesem Blog bereits über Asimov berichtet.

Leonardo

Am Neujahrstag 2018 an historischer Stätte

Leonardo: Nach familiär verbrachter Silvesterfeier im Allgäu traten wir heute mit dem ICE die Rückreise nach Hause an. Die überaus lange Strecke München-Hamburg führte dabei auch über die „Audi“-Stadt Ingolstadt. Und diese Sttadt gibt heute Anlass an ein grandioses Jubiläum zu erinnern:

Vor 200 Jahren wurde ein Roman veröffentlicht, der ein neues Genre begründete, zu einer der bekanntesten Werke der Literaturgeschichte wurde, unzählige Verfilmungen, Übersetzungen und Neuauflagen erfuhr, und letztendlich beispielgebend ist für unsere modernen Anstrengungen, einen künstlichen Menschen zu erschaffen:

Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ wurde am 1.1.1818 erstmals anonym veröffentlicht.

und was hat das mit Ingolstadt zu tun? Nun, der Hauptschauplatz dieses Briefromanes ist die damals als berühmt geltende Ingolstädter Universität, an der der junge Schweizer Dr. Frankenstein seinen künstlichen Menschen erschuf.

Es lohnt sich sehr die Entstehungsgeschichte des Romans, die für sich schon abenteuerlich ist, hier nachzulesen.

Oder den Roman selbst wiederzulesen bzw. erstmals zu verschlingen, denn er hat auch nach 200 Jahren nichts an Spannung und Attraktion verloren. Und die im Roman aufgeworfenen philosophischen Fragestellungen „Wieweit darf der Mensch in seinem Schaffen gehen?“ „Gibt es tabubelegte Grenzen für sein Tun?“ könnte aktueller bei unserer „Schönen Neuen Welt-Entwicklung“ nicht sein.

Auf das Buch habe ich bereits im Blogbeitrag vom 30. Oktober hingewiesen.

Leonardo

Frankenstein - 1

Kurz vor Jahresschluss startete ein zweiter Blog von Leonardo

Kurz vor Jahresende habe ich am 12. Dezember 2017 einen zweiten Blog ganz anderer Art begonnen:

Es ist ein kulturliterarisches Protokoll über ein „Buchprojekt“, das ich am 12.12.2017 in Gang gesetzt habe. Diese neue Webseite wird ein gedrucktes Buchexemplar der Schachnovelle von Stefan Zweig, einem der größten Schriftsteller 20. Jahrhunderts, auf einer Reise um die Welt begleiten. Anläßlich des 75-jährigen Jubiläums der Erstausgabe der Schachnovelle in 2017 habe ich ein gebundenes gedrucktes Exemplar „alleine auf Reisen geschickt„. Die zu bereisenden Soll-Zwischenziele sind örtlich die Lebensstationen von Stefan Zweig. Die Menschen, auf die das Buch treffen wird, werden wahrscheinlich alle „enge Freunde von Stefan Zweig  und der Schachnovelle “ sein.

Wer diese abenteuerliche Buchreise mitverfolgen möchte, ist herzlich zur Blog-Lektüre in 2018 eingeladen: Die Schachnovellenreise.

Zusätzlich zu dem fortlaufenden Reisebericht werden auf dem Blog viele Details und Artikel zu Stefan Zweig, zur Schachnovelle und auch zum Schachspiel erscheinen. Der offene und noch unbekannte Reiseablauf verspricht viele spannende Momente in 2018.

Leonardo

 

Künstliche Intelligenz bringt Ultraschallbilder aus dem Körper auf das Smartphone

Leo: Über einen Tweet von Prof. Max Tegmark, den ich vor kurzem mit seinem neuen Buch Life 3.0 vorgestellt hatte

Tegmark_Tweet_1111 - 1

wurde ich auf eine weitere Neuerung aufmerksam, die mit Ki-Unterstützung eine kleine Medizinische Revolution darstellt:
Studenten von Prof. Tegmark hatten im Rahmen eines Start-Up Projektes (Butterfly Network) einen Ultraschall Sensor entwickelt, der direkt an ein Smartphone angeschlossen werden kann. Das „IQ“ genannte Ultraschallgerät ist so groß wie eine Briefmarke, eingegossen in einen Chip. Dieser ist auch mehrfach für diverse Körperregionen einsetzbar, im Gegensatz zu den bisherigen Geräten, die spezifisch für einen Einsatzfall produziert werden. Die Kosten guter bisheriger Geräte liegen ab 100.000 $ aufwärts, IQ soll nächstes Jahr für 2.000 $ auf den Markt kommen.
Der Anwender muss auch kein technischer Spezialist sein, er wird durch einen integrierten Lern-Algorithmus unterstützt.

mehr Lesen? weiterführende links: Wired

Wieder ein schönes Beispiel, wie ich meine, für „segensreiche“ Entwicklungen dank KI.

mehr von Prof. Max Tegmark und seinem Buch „Life 3.0„: YouTube:

 

Das Buch erscheint am 17.11. auf deutsch: Leben 3.0

Leonardo

Shelleys Frankenstein im 21. Jahrhundert

Leo: Der kalte Sommer ( „Jahr ohne Sommer“ ) des Jahres 1816, mehr als 200 Jahre her, war Geburtsstunde von zwei Literaturgattungen, deren Anziehungskraft bis heute anhält.

Vor wenigen Wochen stöberte ich bei meinen regelmäßigen, bibliophilen Besuchen in meinen bevorzugten Buchhandlungen der Stadt zwei neue Buchausgaben auf:

FANTASMAGORIANA
Geisterbarbiere, Totenbräute und mordende Porträts„, herausgegeben von Markus Bernauer, erschienen bei Rippberger & Kremers:

Fantasmagoriana - 1

Aus dem Klappentext:

„Fantasmagoriana“ – so hieß eine französische Sammlung deutscher Schauergeschichten, die meisten dem romantischen >>Gespensterbuch<< entnommen. Diese Sammlung regte 1816 am Genfer See Mary Shelley zu „Frankenstein“ und Lord Byron und seinen Freund John Polidori zu den ersten Vampir-Erzählungen an. Die Nacht der gemeinsamen Lektüre von „Fantasmagoriana“ durch die jungen Briten im Jahr ohne Sommer inspirierte fast 200 Jahre später Ken Russell zu den phantastisch-surrealistischen Bildern seines Kultfilmes >>Gothic<<. Die herausragende Sammlung erscheint hier erstmals mit den deutschen Originalen.

und

„Der Vampir“ von J. W. Polidori / Lord Byron, herausgegeben von Reinhard Kaiser, erschienen im C.H.. Beck Verlag textura:

Der_Vampir - 1 (1)

auch hier der Klappentext:

Im kalten Sommer des Jahres 1816 mit seinen endlosen Regenfällen und schauderhaften Gewittern betraten gleich zwei >>Gespenster<< die Bühne der Literatur, die aus den Medien mittlerweile nicht mehr wegzudenken sind: der künstliche Mensch des Dr. Frankenstein und der blutsaugende Vampir. Letzterer ist Protagonist zweier Erzählungen von Lord Byron und seinem Leibarzt John Polidori, die hier erstmals, neu übersetzt von Reinhard Kaiser, auf Deutsch in einem Band vereint sind.
Hervorgegangen sind die beiden Stücke aus einem Wettbewerb im Gespenstergeschichten Schreiben, den Byron initiiert hatte. Während dessen eigene Erzählung aber Fragment geblieben ist, wurde „Der Vampir“ von Polidori von einem geschäftstüchtigen Verleger später unter Byrons Namen veröffentlicht und schuf so den modernen Mythos des literarischen Vampirs, der keineswegs nur ein Gewalttäter, sondern auch ein Edelmann und Verführer ist. Auch Goethe hat sich täuschen lassen. Er las Polidoris Erzählung und nannte sie >>Byrons bestes Produkt<<
John William Polidori (1795-1821) begleitete den britischen Dichter Lord Byron (1788-1824) im Sommer des Jahres 1816 als Leibarzt an den Genfer See, wo die beiden auf Percy und Mary Shelley, die spätere Autorin des Frankenstein, trafen und sich mit einem folgenreichen Wettbewerb im Gespenstergeschichten Schreiben die Zeit vertrieben.

Mary Shelley also, gewann vor 200 Jahren diesen Schreibwettbewerb mit ihrem Frankenstein:

Frankenstein - 1.jpg

Dieser Roman gilt als Auslöser für die bis heute anhaltende Welle an phantastischer Literatur und als „Geburtshelfer“ der nachfolgenden Myriaden an technologischen Geschichten, die erst im 20. Jahrhundert den Genre-Namen „Science Fiction“ erhalten sollten. Frankenstein, der Prototyp des künstlichen Menschen, an dem in unseren Tagen so vehement hard- und softwaremäßig gearbeitet wird.

Und plötzlich taucht Mary Shelley für mich in diesen Tagen erneut auf :
Bei meinen Surfgängen durch die Netzwelt stoße ich auf die Seite Shelley.Ai.

Rechtzeitig zu dem bevorstehenden Halloween wird dort ein KI-Algorithmus vorgestellt, der beim Schreiben von Gespenstergeschichten hilft!
Bei einem meiner letzten Blog-Beiträge habe ich von intelligenter Software (Stichwort „Bestseller Code“ und „Qualifiction“ ) berichtet, die Texte lesen kann, analysiert und einigermaßen zuverlässig Bestseller voraussagen kann.
Nun also die nächste Stufe: SCHREIBEN von Belletristik, Schreiben der beliebten Gespenstergeschichten.
Klugerweise führt das hochkarätige Entwicklerteam vom MIT Media Lab SHELLEY nicht als separat schreibende Konkurrenz zu den menschlichen Autoren ein, sondern als Schreibhelfer, der Inspiration für die eigene Phantasie bieten soll. So sollen also die Geschichten in Kooperation und im dauernden Wechselspiel zwischen Mensch und Algorithmus geschaffen werden. Pfiffig: Als automatisierte Schnittstelle wurde einfach die Plattform Twitter einbezogen. Hierüber kann im Wechselspiel die Geschichte erarbeitet werden. So werden im 21. Jahrhundert phantastische Erzählungen geschrieben! Die Autorenschaft haben bei dieser Literaturschaffung SHELLEY und eine wechselnde Menge an Menschenautoren (Twitterer)  gemeinsam, denn jeder kann sich aufschalten und „mitschreiben“. Die Geschichten sind sofort öffentlich und werden bereits bei der Entstehung mitgelesen, ob auf Twitter oder auf der SHELLEY-Seite. Auch Lob und Kritik kann sofort über Twitter die Geschichten beeinflussen.

Erst seit dem 23. Oktober ist SHELLEY auf Twitter „aufgetreten“. Beeindruckend wieviel Geschichten bereits am Laufen sind.

Die Fortschritte der KI auf dem geisteswissenschaftlichen Sektor sind immens.  In Sachen Literatur startete sie zunächst als Leser und Kritiker, und nun also als kreativer Schreiber. Wir erleben hier hautnah die Entstehung einer neuartigen Literaturgattung, geschaffen von kooperierenden Autorengruppen zusammen mit einem intelligenten Programm. SHELLEY hat mit Sicherheit alles Wesentliche des Genres „gelesen“, „kennt“ erfolgreichen Stil und Form und „weiß“, wie man die Leser zum Schaudern bringt. Und bei der laufenden „Zusammenarbeit“ mit den Menschen wird es weiter lernen und seine Kenntnisse verfeinern.
Irgendwann wird es anfangen, die Geschichten alleine zu schreiben.

Ich bin selbst sehr überrascht über die Geschwindigkeit und Wucht der Entwicklungen, trotzdem ich sie ja stets auf diesem Blog angekündigt habe.

Leonardo